Der Zaubervogel

 

Ein kleines Mädchen lag im Bettchen und flüsterte: „Ach, wie gerne würde ich zu dem hohen Berg in der Nähe meiner Großmutter gehen!“ Der Kopf ruhte in einem weichen Kissen, den Blick hatte es auf das offene Fenster ihres Zimmers gerichtet. Es blickte noch eine Weile in den Himmel bis es einschlief.

Da pochte es an den Fensterflügel, der geschlossen war. Tok, tok, tok.

Ein wunderschöner bunter Vogel saß auf dem Fensterbrett. Sein Gefieder war gelb und grün, mit zarten blauen Streifen durchsetzt. Ein purpurroter Schnabel leuchtete in seinem Gesicht und auf dem Kopf wackelte ein lustiger blauer Schopf bei jeder Bewegung hin und her.

Das Mädchen öffnete wieder die Augen und blickte dem Vogel direkt in das Angesicht. „Du meinst es ernst mit deinem Wunsch?“ fragte der Vogel. „Ach ja, nur einmal, möchte ich auf den hohen, schönen Berg in der Nähe meiner Großmutter!“ Das Mädchen seufzte leise und das fiebrige Gesicht zeigte rote Flecken.

Der Vogel hob vom Fensterbrett ab, flog in einem eleganten Bogen durch den Raum, streifte fast den Teddybären, der schlapp auf einem Stühlchen, extra für ihn gemacht, zu ruhen schien. Dann drehte der bunte Geselle noch eine kleine Runde über dem Kopf des Kindes, das ihn mit großen, dunklen, glänzenden Augen beobachtete, und ließ sich schließlich auf dem Boden nieder.

Die Sonne sendete ihre Strahlen in das kleine Zimmer und leise bewegte der Wind einen Vorhang, welcher zurückgeschoben an den Seiten herunterfiel. Er blähte sich in weitem Bogen auf und sank schließlich, ruhig geworden, wieder in die alte Lage zurück.  Das Herz des Kindes schlug wie wild, der Atem ging schwer und auf der Stirne bildeten sich kleine Schweißperlen.

Im geöffneten Fensterteil spiegelte sich ein Nussbaum in den Scheiben wider. Die Blätter des Baumes raschelten sanft während auf einem kurzen Aststück eine Amsel saß und zum Ende des Tages ein Lied sang.

Der Vogel durchbrach die Stille im Raum und meinte: „Komm setz dich auf meinen Rücken“, plusterte sich auf und wurde größer und größer. Er spreizte einen Flügel und die Schönheit seines Gefieders wurde durch eine zarte Reihe schwarzer Federn vollendet.

Das Mädchen versuchte sich aufzurichten, sank jedoch erschöpft zurück. Der bunte Vogel spreizte die Flügel so weit, dass er schließlich sacht die heißen Hände des Kindes berührte. Mit einem Mal richtete sich das Mädchen auf, schlang seine Arme um den Hals des Vogels der langsam zum Fliegen abhob und schließlich gerade noch durch die Öffnung des Fensters passte. Für einen kurzen Augenblick konnte man einen wunderschönen Berg im Lichte der Sonne erkennen.

In diesem Augenblick seufzte das kleine Mädchen ein letztes Mal, und schloss die Augen mit einem frohen Lächeln im Gesicht.

       

 

© Isabella Bernardo , Wien 
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