Sprachlos ist nicht so laut

Vor einer Sekunde noch, lachend nach Hause gekommen, erstirbt das Lachen, wandelt sich um ins Entsetzen, denn die Nachricht, die einem überbracht wird, ist schwer, und diese Schwere begleitet einen mitunter über Jahre.

Viele von uns mussten diese Erfahrung mindestens einmal in ihrem Leben machen, wir, sie, wissen welche Gefühle damit verbunden sind.

Eine schlechte Nachricht in dieser Form ist schlimm genug, sie trifft einen bis ins Mark und lässt einen in einem sonderbaren Dämmerzustand zurück, in einer Starre die man niemanden beschreiben will weil sie das Antlitz des Todes nur zu nahe bringt. Wenn aber eine solche Nachricht den Tod des eigenen Kindes betrifft, die den Widerspruch von Kindheit/Jugend und des absoluten, endgültigen Aus des Lebens wie zum Hohn über die Hinterbliebenen schleudert, macht alles unbeschreiblich und auf einmal, so empfindet man, steht die Welt für einen still.

Eltern von Kindern, denen dieses Schicksal widerfährt, setzen sich in dieser Zeit mit dem „Warum „mein Kind“, warum nicht ich?“ Man klagt an, oft still, ohne Worte und zu guter Letzt hat man keine Tränen mehr die erleichtern könnten.

Den Gegensatz von unendlicher Müdigkeit und, so sonderbar es klingen mag, mit dem gleichzeitigen, ungeheurem Tatendrang etwas t u n zu wollen, das abgelaufene, kurze Leben des Kindes noch schnell retten zu können, erlebt man in einem grauenvollen Taumel. Was für eine sinnlose Hoffnung! Nach jedem neuen Aufwachen stellt man fest: Nein, das ist kein Traum, e s ist tatsächlich passiert.

 

In dieser Zeit kann man schon verrückt werden, und nicht zuletzt brechen Ehen auseinander weil betroffene Eltern kaum einander den Halt geben können, denn die zuvor vorhanden gewesene Kraft ist mit der Seele des Kindes schon lange auf die Reise gegangen.

 

Anfangs ist man aber auch noch tätig, man muss vieles müssen – das Begräbnis arrangieren, Beileidschreiben beantworten, Kondolenzbesuche sollen trösten, doch man funktioniert wie in Trance und später dann werden unter Umständen Erinnerungen „gesucht“ weil man sich fragt: Was habe ich damals getan?

 

Nach den ersten Wochen realisiert man langsam, dass das Schicksal unbeugsam ist und man nichts verändern kann, dass man mit dem Schmerz und den neuen Umständen zurechtkommen muss.

Manchmal, so kann es sein, steht man plötzlich ohne Freunde auf sich gestellt im Leben. Zu unsicher sind diese, wie sie mit der Situation umgehen sollen, was sie uns Eltern zum Trost reichen können und sie tun sich auf ihre Weise nicht leicht den Kontakt aufrecht zu erhalten. Es ist auch für sie zu schwer, denn man hat das Kind gekannt. Es fehlen dann auch ihnen die Worte, so, wie sie den Eltern fehlen.

Während die einen nicht wissen, wann denn der „richtige Zeitpunkt“ ist, den Kontakt den sie zuvor geteilt hatten, fortzusetzen, fehlt den Eltern die Möglichkeit über das geliebte Kind Erinnerungen zu teilen, zu erzählen, wie es ihnen ergeht, woran sie denken, womit sie nicht zurechtkommen, welcher Bereich in ihrem nunmehr neuen Leben besonders schwer fällt und wo sie an ein erträgliches Leben anknüpfen könnten. Zur Trauer kommt dann eine Einsamkeit, die den Betroffenen nochmals einen Rucksack mehr umhängt, wenn der ursprünglich große Freundeskreis fehlt.

Dass Menschen mit dem Tod an sich nur schwer umgehen können liegt in der Natur des Menschen. Das Leben endet zwar immer in der gleichen Weise, doch wenn uns ein Kind verlässt, so denkt man, hat einem die Zukunft und das, was wir als schöne Fortsetzung und Freude nehmen und teilen wollten, verlassen.

Die Kraft nach dem Tod eines Kindes wieder zu erlangen, hängt auch davon ab, wie viel Unterstützung, professionelle und freundschaftliche, man erhält.

Wir alle werden auch mit dem Tod von Kindern konfrontiert, und nicht immer sind die Kinder noch Kinder, es sind Jugendliche, Erwachsene, wir dürfen nicht vergessen, dass hinter jedem einzelnen Menschen immer auch Eltern und Angehörige stehen.

Der Tod ‚irritiert’ und erschreckt uns zu jedem Zeitpunkt, er erscheint uns grausam, obwohl er das nicht immer ist – wie viele Menschen begleitet er aus Krankheit und Schmerz in eine andere Welt und befreit sie von einem Leben, das sie s o nicht mehr möchten? Der plötzliche, unvorhergesehene Tod jedoch ist jener, den wir alle noch mehr fürchten, mit dem wir nichts zu tun haben wollen weil er uns seine Endgültigkeit präsentiert. Er ist ein unpassender, ungeliebter „Gast“ obwohl er, zuletzt, seinen natürlichen Auftrag erfüllt. Wir sind es, die mit ihm umgehen lernen müssen, auch, wenn es eine enorme Herausforderung ist! Nur, lassen wir uns als Mitmenschen nicht sprachlos werden, denn es ist das Mitgefühl das verbindet und dem Entsetzen der Betroffenen ein wenig die Bitterkeit nimmt.

       

© Isabella Bernardo , Wien 
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