Wohin zurück?

Freunde haben mich über das ‚Ich wünschte, ich könnte nochmals zurück, in die Vergangenheit’…inspiriert, nachzudenken. 

 

Ich kann mich erinnern, dass ich diesen Gedanken unzählige Male gehabt habe und irgendwann, eines Tages, habe ich damit aufgehört, die Vergangenheit zu verschönern, mir nur das Gute herauszupicken sondern mich den Dingen zu stellen, die ich unter Umständen verabsäumt haben könnte oder aber, die gar nicht so schön gewesen sind – und auf einmal, ist aus einem fixen Wunsch etwas geworden, was ich heute mit einem Lächeln und der Nachsicht meines Alters, als bereits erhalten abhaken kann. 

 

Natürlich, da gibt es, so wie eine liebe Freundin sagte, dass sie gerne ihrer sterbenden Mutter mehr als nur ihre Angst überlassen hätte, nämlich, viel mehr ihr sagen hätte sollen, wie sehr sie diese geliebt hat, wie dankbar sie ihr für ihre Liebe und Fürsorge ist, auch heute noch. Sie meinte, sie hätte ihr stattdessen nichts weiter als ihre eigene Trauer und die Angst, sie zu verlieren, spüren lassen und hätte im Gegenzug dafür gespürt, wie gerne ihre Mutter sie weiterhin beschützt hätte. 

 

Genau bei diesem Punkt angelangt, habe ich mir gedacht:

Wow, was muss das für ein Gefühl sein – von beiden Seiten – diese gegenseitige Liebe erfahren zu haben, und zu wissen, dass diese Liebe weit über den Tod hinausreicht; uneigennützig, stetig gefühlt und präsentiert, in einem wunderbaren Andenken! 

 

Ich weiß noch, dass ich nach dem Tod meiner Tochter Ähnliches gefühlt habe, dennoch auch ganz anders. Ich hätte tausendfach, millionenfach gerne die Zeit zurückgedreht, bloß, um sie noch einmal in die Arme nehmen zu können, mich wenigstens verabschieden zu können. Wie viel hätte ich dafür gegeben? Ich kann es nicht ermessen, denn, die Trauer alleine wirft in einem fort jedes Hab und Gut, jedes erdenklich Mögliche in die Erfüllung dieses einen Wunsches: Lass mich mein Kind noch einmal, nur einmal noch, in die Arme nehmen und schenke mir diese fünf Minuten… 

 

Die Zeit zurückdrehen würden viele Menschen gerne. Ich glaube, dass ein Großteil aller Menschen alles geben würden, wenn es darum geht einen geliebten Menschen wieder um sich haben zu dürfen. Das Unmögliche aber weist uns die Grenze und so handeln wir in Gedanken immer wieder mit ‚Gott’, mit jenem, der das Geschick des gesamten Universums in Händen trägt… 

 

Ich maße mir an, zu meinen, dass dieser unerfüllbare Wunsch bei allen Menschen eine Berechtigung hätte, hingegen, und nun kann ich Vieles aufzählen, was ich nicht dafür halten würde, wie z.B. verlorenes Vermögen, tatsächlich Verlorenes, Materielles, verlorene Liebe die durch Gewalt oder Unachtsamkeit verloren gehen musste -  es gibt so viel was der Mensch zu wünschen vermag, sodass mir der Gedanke kommt: Herrgott, wenn Du Dir das alles in Gebeten anhören musst, so kannst Du nur unter einem massiven Erschöpfungssyndrom leiden!

 

Es gibt aber auch etwas, was man sich wünschen kann, und mehr der Wehmut gleichkommt, so, wie die vergangene Jugend, die verlorene Schönheit, Straffheit des Körpers, die Einbusse von Fähigkeiten, die anfangs nur schleichend einhergeht und plötzlich, als würde man sich all die Jahre bis zu diesem bestimmten Zeitpunkt nicht selbst erlebt haben, die Unmöglichkeit bestimmter Bewegungen oder Fertigkeiten, die man hatte. Das Erstaunen, dass ‚etwas nicht mehr geht’ ist bei vielen Menschen mit enormen Frust verbunden und die Klagen, dass es heute so schlecht, und damals so gut gewesen sei, nehmen oft keine Ende. Menschen wünschen sich zurück, oftmals in eine Vergangenheit in der nicht immer alles so wunderbar gewesen ist. 

 

Denken wir doch nach!

Was haben wir auf dem Weg durch dieses Leben nicht alles erlebt? Waren es tatsächlich nur glückliche Stunden der Wonne, des Schönseins, der Leichtigkeit, wie wir es gerne darstellen? Oder haben wir etwa über Wochen, ja Monate möglicherweise gezittert – um den Abschluss einer bestimmten Ausbildung zu machen, wollen wir diese Angst wieder erleben? Wollen wir den Schmerz der ersten verlorenen Liebe wiederholen oder möglicherweise den Nachbarschaftsstreit der Großeltern, mit denen w i r Tür an Tür gelebt haben und der tagtäglich aufgefrischt wurde durch Bosheit und Falschheit? Wollen wir dieses Gefühl „Und schon wieder keine Ruhe!“ wiederholen, weil es so s c h ö n gewesen ist?

Bitte schön, die Kritik richtet sich weniger gegen den Nachbarschaftsstreit als gegen die Tatsache, was so ein Streit bei allen, aber definitiv in uns selbst, auslöst!

Wollen wir die Ehe, die die Hölle gewesen sein mag, den Tod eines Kindes, den schweren Verkehrsunfall, also all das, bei dem wir mühsam erlernen mussten, damit zurechtzukommen, wollen wir wirklich all das nochmals erleben und wollen wir zurück, in diese, damalige Zeit? 

 

War die Politik tatsächlich um s o vieles besser, waren die Politiker seriöser, waren die Kriege, die geführt wurden, h u m a n e r als heute? Wohin zurück wünschen wir uns dann? 

 

Unser aller Leben verläuft mal unbeschwert, zumeist in den Kinderjahren, dann verläuft es aufregender aber in positivem Sinn, in dem unsere Hormone und der Stresspegel in Höchstform gewesen sind, aber dazwischen, hat es immer, immer auch etwas gegeben, was uns ermahnt hat, mit unserem Leben, oder möglicherweise mit dem Leben der Anderen, sorgsamer umzugehen.  

 

Schicksalsschläge haben sich mit Freudentänzen abgewechselt, das Leben war, und ist, das Leben.  

 

I’m going back, das geht so nicht, selbst wenn man in der Sekunde umkehrt, wird es ein immer etwas anderer Weg sein den wir gehen, wir werden immer n o c h anderen Menschen begegnen und wir werden immer Anderes als erstrebenswert empfinden.

 

Ein emsiger Mensch, ein Mensch der die Hände nicht tatenlos in den Schoß legt, wird immer Neues erfahren, und dabei werden die Haare etwas mehr grau, die Lachfältchen werden zu Lachfalten, die Hände, vormals weich und zart, wirken plötzlich plump, und wenn man genau hinsieht, sieht man ihnen trotz aller Pflege an, dass man gearbeitet hat. Unsere Bewegung ist urplötzlich, ohne Vorwarnung, auf einmal eingeschränkt und wenn nicht diese, dann bemerkt man plötzlich, dass uns Daten oder Namen entfallen, dass wir einfach ‚zu müde’ sind, um über etwas  nachzudenken oder Pläne zu schmieden… 

 

Das Leben ist schlichtweg  der g e s a m t e   W e g, den wir in diesem Leben gehen. Und wenn jemand verabsäumt hat, auf diesem Weg lange genug auf die Freuden zu sehen, der wird letztlich mit nichts am Ende zufrieden sein.  

 

Der Lohn, den wir erhalten, zu Lebzeiten, ist, wenn ein nahe stehender Mensch eines Tages, aus heiterem Himmel zu einem sagt: „Gell, zwischen uns ist es immer gut gegangen?“, und dabei verschmitzt lächelt. Wohin sollte man sich zu so einem Zeitpunkt dann denn zurück wünschen, wenn das Wörtchen i m m e r einen sehr langen Zeitraum vermuten lässt?

 

© Isabella Bernardo , Wien 

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