Nationalfeiertag 2019

 

Ein Brief an einen Vater, den es so nicht gibt

Man nennt dich Vater – Staat.
Und man behauptet, das wären wir alle. Wir hätten ein demokratisches Recht, das man durch nichts beschneiden dürfe. Und das, was wir als Vater – Staat bezeichnen, sind letztlich jene, die uns, Millionen Menschen, vertreten: Durch ihre Arbeit, getragen von Wissen das über dem dieser Menschen liegen sollte, durch Praktizieren von Loyalität, Agieren nach bestem Wissen und Gewissen, gesetzestreu und – zu guter Letzt – gut bezahlt, von diesen Millionen Menschen. 

Vater Staat, du bist nicht wie ein Vater sein sollte! Du verrichtest deine Arbeit schlechter meist, als der einfache Arbeiter, den du wagst, als „Hackler“ zu bezeichnen, du rettest nicht annähernd Menschen, so, wie es Ärzte, Krankenschwestern, Rettungsmannschaften und Eltern tagtäglich tun. Ein guter Vater macht Gesetze die verständlich sind, für jeden Einzelnen. Was du als Vater eines Staates tust, machen vielfach Väter in Familien besser, gekonnter, ehrfürchtiger ihren Anvertrauten gegenüber, als du es tust. 

Einmal saßen Männer beisammen, nach schweren Zeiten, nach Krieg, Leid, Entsetzen und der Erkenntnis, dass Menschenverachtung niemals wieder geschehen darf. Sie waren von dem Gedanken getragen, dass der Friede, die Gleichheit der Menschen Sinn macht. Sie haben sich geschworen, niemals mehr hinter Ideen herzulaufen, die auf den Einzelnen keine Rücksicht mehr nehmen. Sie waren Pioniere nach einer langen Zeit des Grauens. Diese Männer haben ihre Söhne für einen Kampf verloren, der niemals der ihre gewesen ist. Sie haben Frauen und Töchter verloren, oder, sie mussten sie tröstend in die Arme nehmen, für das, was auch ihnen angetan wurde.


Vater-Staat! Es ist schon schrecklich genug, dass es so viele Einzelne gibt, mehr als dich interessiert, die niemals Vater sagen können. Diese Kinder stehen vaterlos da. Einige von ihnen haben Väter die kein Interesse an ihnen haben, oder sie haben Väter die sie missbrauchen und schlagen. Und so fühle ich mich.  

Vor langer Zeit, Vater, dachte ich, dass einmal die Zeit kommen würde, in der ich wieder Vertrauen fassen kann. In meine Zukunft, in eine Zukunft die mich für das entschädigen würde, was verloren gegangen ist oder aber, in der ich bestehen darf als Mensch. Doch du, der du so viel Macht in deinen Händen trägst, verwendest sie zum Eigennutz, du sorgst dich nicht um die Kinder deines Landes! 

Während du Reden hältst von denen du meinst, nicht einmal deine Lügen verbergen zu müssen die du öffentlich in den Medien zum Besten gibst, hast du diese Worte schon vergessen bevor sie im Äther verhallt sind. 

Du vergisst die jungen Menschen, denen du eines Tages Rechenschaft ablegen musst. Denn eines Tages werden sie Gesetze machen, agieren, regieren. Viele von ihnen werden wahrscheinlich deinem schlechten Vorbild folgen. Bist du dir der Verantwortung bewusst, die du trägst? 

Du vergisst die alten Menschen. Jene, die dieses Land wieder aufgebaut haben gibt es kaum noch! Doch es gibt jene, denen sie ihrerseits Vorbild gewesen sind, die an der Fortsetzung ihrer Arbeit geglaubt haben. Was hast du getan, als einer von ihnen?

Du hast begonnen diesen Fortschritt zu verkaufen. Du hast die erst wieder gewonnene Freiheit nach und nach verschenkt und uns neue Hürden aufgeladen. Und nun gibt es einige von dir, Vater, die schieben die Schuld auf Menschen, so wie damals, vor mehr als sechzig Jahren, die da sagen: Das größte Unglück, der größte Schaden kommt von vielfach ohnehin Gepeinigten, die in deinem Schoße Schutz suchen und bereit wären, dir als Dank Loyalität zu schenken. Doch du bist ein harter Vater, denn du verwehrst ihnen die Möglichkeit, ihren Beitrag zu leisten, solange sie deines Schutzes bedürfen. Du säst durch deine Gesetze Zwietracht zwischen ihnen und deinen Kindern. 

Du sagst zu Recht, dass wir als große Gemeinschaft Regeln brauchen. Doch bei wie vielen dieser Regeln hast du auf den einzelnen Menschen bedacht genommen? Du sagst,  dass du das Unheil nur aufhalten kannst, in dem du Gesetze lockerst und dadurch inhumane schaffst. Du begründest dein Versagen mit fehlendem Geld, dass du deinen Schutzbefohlenen in Form von immer mehr und mehr Steuern aus den Taschen ziehst und sie, lange schon, zu Sklaven machst.  

Du hast dich einem Bündnis angeschlossen, von dem vorhersehbar war, dass es so radikal, wie es gegründet wurde, niemals funktionieren kann ohne dass Menschen Schaden nehmen. Du hast uns, deinen Kindern versprochen, dass es besser werden würde: Mit der Arbeit, mit Konfliktlösungen, mit Gerechtigkeit – und wir stehen hilflos da und müssen zusehen, wie unsere einmal gute Wirtschaft versagt, unser Bildungsangebot geschmälert wird, der Nachbar mit dem Nachbarn verfeindet ist, weil die Farbe der Haut oder die Religion als Ventil für aufgestaute Aggression fungiert. Du willst nicht zur Kenntnis nehmen, dass diese Konfrontationen zustande kommen, weil uns, deinen Kindern, immer weniger bleibt, um unserer Existenz sicher sein zu können.  

Wie viele Menschen hast du in den letzten Jahren in die Armut getrieben? Dein bedauerndes Kopfschütteln und deine geheuchelte Anteilnahme glaube ich dir nicht mehr, denn du schämst dich nicht deines Versagens und bist auch nicht bereit, deinen Kurs zu korrigieren. 

Du verachtest die Kranken, die ihren Teil nicht mehr dazu beitragen können, den Tribut an dich zu bezahlen, du verachtest die alten Menschen, die bis zu fünfzig Jahre gearbeitet haben, du hast kaum Möglichkeit geschaffen für Menschen, die auf Grund ihrer Behinderungen noch immer am Rande der Gesellschaft leben und demütig um etwas bitten müssen, was selbstverständlich sein sollte.  

Ich weiß schon, du hast auch Kinder, die schwarze Schafe sind, und auch für sie hast du Gesetze gemacht. Doch, in welcher Form?  Dir ist der Verlust eines deiner Kinder weniger wert als der Gedanke, dass man dir in die Tasche greift, großer, mächtiger Vater. Du hast Gesetze geschaffen, die deinen nahen Freunden die Möglichkeit bietet, sich aus der Verantwortung zu stehlen. Du hast den Wert von Materiellem höher gestellt als Humanität und Leben. Was soll ich davon halten, Vater- Staat? 

Du hast Glück, mein Vater! Ich bin ein Kind das rebelliert mit Worten, nicht mehr. Ich beuge mich, weil ich alleine zu schwach bin, den Weg, der einmal so hoffnungsvoll erschien, noch weiter zu gehen. Ich bin ein Mensch, der keine Hoffnung mehr hat, denn zu viel ist schon geschehen. Aber sag, Vater, was ist, wenn deine anderen Kinder nicht nur zu Hause schmollen? Was ist, wenn sie ihre gute Erziehung, ihre guten Werte vergessen? Was ist, wenn sie, wie vor vielen Jahren, einem Vater im Schafspelz folgen der sie gänzlich ins Verderben führt? Was ist, wenn du zu hoch gespielt hast und meine Heimat wieder zerbricht? Wohin, Vater, soll ich dann gehen?

 

© Isabella Bernardo , Wien

alle Rechte vorbehalten.

 

Aktuelles

1 2

 

 

Feedback

Links

Impressum