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Die erste Klasse Volksschule ist für die meisten Kinder ein lang ersehnter Tag mit dem viele schöne und hoffnungsvolle Fantasien verbunden sind. Manchmal aber werden diese Ideen, die man so als kleines Kind hat, relativ bald durch eine Wirklichkeit ersetzt, die ganz im Gegensatz zu dem steht, was so sehnsüchtig erwartet wurde. Selten bin ich meinem eigenen Wesen so sehr zu Dank verbunden wie in diesem einen Punkt: Zu wissen, was wichtig und was unwichtig ist. Schon als kleines Mädchen habe ich erkannt, dass die Lehrerin der ersten Klasse ein Mensch war, die voller Vorurteile gegenüber vielem gewesen ist, obwohl ich es damals nicht in diese Worte fassen konnte. Sie war eine jener Menschen, die Kinder nicht nur unterrichtet hat, sondern ihren Willen aufzwingen wollte – und es auch getan hat! So war es in meiner Schulzeit noch üblich, dass man mit der „schönen Hand“ schreiben musste, was da geheißen hat: Man musste mit der rechten Hand schreiben, zeichnen, nähen, all das, was man als LinkshänderIN eben lieber getan hätte. So kam es, dass nach den ersten Rügen doch mit der „schönen Hand“ zu schreiben, also mit der rechten Hand, ein Unwohlsein meinerseits verursacht hat. Kaum erst gerügt, wanderte der Bleistift in die linke, in die „böse Hand“ und ich habe immer wieder zur Lehrerin geschielt, ob sie es entdecken würde. Die Buchstaben wurden einfach gerader, waren schöner anzusehen, und es machte mir Freude, diese Zeilen erster Versuche, das Alphabet in dem Heft zu verewigen. Trotz aller Vorsicht konnte ich es nicht verhindern, dass der Eifer und die Freude am Lernen bewirkt haben, dass ich meine Lehrerin vergessen habe und sie mich dennoch immer wieder dabei ertappt hat. Nach der ersten Zeit wurde sie es müde, mich immer wieder zu ermahnen und eines Tages, als sie durch die Tischreihen Kontrollblicke in die Hefte geworfen hat, schlug sie mir, ohne Vorwarnung, dafür mit ordentlicher Wucht, mit dem Lineal auf die Finger die nicht selten geblutet haben. Weinend habe ich also den Bleistift in die rechte Hand genommen und schließlich weniger wegen des Schmerzes an der linken Hand, als mehr über die kaum erkennbaren Lettern die ich nun mühsam und viel langsamer zu Papier gebracht habe. In langen Tiraden hat sie erklärt, warum dies nun notwendig gewesen sei und dass ich nur ja brav sein sollte, um nicht nochmals in diese Lage zu kommen. Es hat viele Wochen gedauert, bis ich mich soweit umgestellt habe, dass ich einigermaßen erkennbar schreiben gekonnt habe und nach und nach wurde meine Schrift auch soweit leserlich, dass ich, am Ende des ersten Schuljahres in Schreiben sowie im Zeichnen gerade noch eine „Drei“ bekommen habe. Nach diesem Jahr und mit dem Beginn eines neuen Lebensumfeldes habe ich wie die meisten Kinder meiner Klasse trotzdem nur noch die „Eins“ bekommen. Die meisten Tätigkeiten habe ich jedoch weiterhin mit meiner „unschönen, bösen Hand“ getan. Später dann, als ich schon älter gewesen bin, haben ihre Nachfolger Mitschüler, die sich offenbar durchsetzen haben können und von anderen Klassen oder Schulen zu uns gekommen sind, mit dieser grausamen Umstellung nicht mehr behelligt oder „ein Auge“ zugedrückt. Schon damals habe ich erkennen müssen, dass nicht alle Menschen gleich behandelt wurden, dass Menschen aufgrund ihrer natürlichen Gegebenheiten automatisch in ein positives oder negatives Schema gepresst werden. Dieses Beispiel, der schönen oder bösen Hand, zeigt, wie intolerant Menschen mit Menschen umgehen, wie sehr man Nebensächlichkeiten mit Normen und Willkür zu quittieren denkt. Heute weiß man, dass man, nicht nur mit der Methode, die meine Volksschullehrerin angewendet hat, sondern dass man überhaupt, durch das Erzwingen z.B. der Rechtshändigkeit den Kindern großen Schaden zufügen kann. Es ist bedauerlich, dass da zuerst einmal Professionisten gebraucht wurden, um die Kinder vor solchen Rohheiten zu schützen denn schon alleine die Tatsache, wie man, in diesem Fall, kleine Menschen in das Leben des Lernens eingeführt hat, war meines Erachtens nicht eine Frage der späteren Erkenntnisse, sondern es war eine Tatsache des schlechten, menschlichen Charakters, anderen Menschen den persönlichen Willen aufzuzwingen! Noch heute finden wir in allen Bereichen Menschen, die sich selbst dazu ernennen, Normen zu kreieren, die mit der Notwendigkeit solcher Normen überhaupt nichts zu tun haben. Zumeist entspringen sie der persönlichen Unflexibilität und der persönlichen Charakterschwächen die auf Mitmenschen projiziert werden. Ich möchte sogar noch weiter gehen zu behaupten, dass Menschen wie meine Volksschullehrerin, von Vorurteilen nur so strotzen. Auch sie war damals der Meinung, dass Kinder die nicht „fähig“ seien, mit der „richtigen Hand“ zu schreiben, wesentlich unintelligenter seien als jene, die den Stift in der rechten Hand hielten. Ihr ganzes Verhalten hat sich zu Ungunsten der Linkshänder gerichtet. Sie seien, so hat sie gemeint, nicht nur dumm, sondern sie seien auch ungehorsam, besäßen eine bodenlose Frechheit, sich überhaupt gegen ihre Anordnung zu wenden! Nun, heute hält man sich mit solchen Kleinigkeiten nicht auf, nicht bei solchen, die das Auge des Betrachters nicht beleidigen, die deren persönliche Gefühle zu einem Mitmenschen auch nicht irritieren. Doch sowie etwas an einem Mitmenschen nicht der Norm entspricht, das Aussehen, das Verhalten, die Lebensführung, ja sogar die Berufswahl, die Wahl des Ehepartners, die Hautfarbe, ganz gleich was ich hier anführe, es gibt Menschen die sich anmaßen, darüber zu urteilen und zu bestimmen, WAS denn eigentlich die Norm ist. Leider kann der dicke Mensch, der an einer Stoffwechselkrankheit leidet sein Gewicht nicht so reduzieren, wie er es selbst möchte, leider kann der Krüppel sein Handicap nicht immer mit der Kleidung kaschieren, der Taube kann nun einmal nur in der Gebärdensprache sprechen und der Blinde ist auf die Rücksicht seiner Mitmenschen angewiesen. Der Großteil der Menschen behauptet nun, dass all diese Personengruppen heutzutage zumindest, keine Nachteile zu tragen haben, doch würden sie auch nur einen Monat im Körper eines dieser Menschen leben müssen, würden sie trotz ihres, vielfachen Wunschdenkens, erkennen müssen, dass Menschen mit und in außergewöhnlichen Situationen es nicht einfach haben. Zuletzt, wenn man als BetroffeneR über die alltäglichen Missachtungen, Respektlosigkeiten und auch Scheinheiligkeiten diskutiert, findet sich ein immer wiederkehrendes Argument: Falsche Wahrnehmung! Betroffene seien zu sensibel und würden die angeführten Kritikpunkte nur fühlen, sie seien jedoch nicht, oder nur äußerst selten vorhanden. Nicht in unserer Zeit, das wäre im vorigen Jahrhundert noch teilweise so gewesen, heutzutage wäre das kaum noch der Fall. Selbst wenn man konkrete Ereignisse schildert, dann argumentiert man, dass man darüber nachdenken solle, ob man eventuell „Signale“ gesendet hätte, die die Mitmenschen zu einem Fehlverhalten veranlasst haben könnte. Es wird sehr oft mit diesen Schlagwörtern umgegangen, die ein Fehlverhalten nicht nur entschuldigen sollen, sondern dem Betroffenen auch transferieren, dass er am Verhalten seiner Mitmenschen Schuld trägt. Würde meine Volksschullehrerin von damals heute an einer Schule mit dem gleichen Verhalten von damals, unterrichten, würde sie mit Begeisterung diese Schlagwörter und noch mehr in Anspruch nehmen, um ihren Willen durchzusetzen. Sie würde ihr Fehlverhalten möglicherweise heute dadurch rechtfertigen, dass es sich dabei um ein „aufsässiges Kind“ handle, obwohl dieses jedoch nicht mehr möchte, als seine Leistung auch mit einem gewissen Wohlbefinden zu erbringen! Diese Lehrerin hätte, und dessen bin ich mir sicher, genug Unterstützung in ihrer Berufsgruppe, um ein solches Kind zu brechen, denn es stünde ja das Wort gegen das Wort. Damals wie heute ist es mehr als gefragt, inwieweit der Schwächere vor der Willkür geschützt wird – und das bezieht sich nun nicht nur auf mein Beispiel das ich oben angeführt habe. Es stellt sich die Frage, wie viele Fehler von Professionisten gemacht werden dürfen, ohne dass diesen jemand „mit dem Lineal auf die Finger klopft“! Ich denke, bis dahin ist wohl ein sehr, sehr weiter Weg… |
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© Isabella Bernardo, Wien
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